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Mensch bleiben

Posted by on 10. Juli 2009

Sofern man als Medizinstudent einige Grundwerte verstanden hat, und sich danach ausrichten möchte, wird man sich wohl unweigerlich einmal mit dem Satz auseinandersetzen müssen, der irgendwie nach katholischem Krankenhaus im Schwarzwald klingt:

“Wir behandeln die Menschen, nicht die Krankheiten!”

So ehrenvoll dieses Ziel erscheinen mag – wird man es immer jemals erreichen können?

Eine mehr als gewichtige Frage, wenn man sich einmal vor Augen führt, was auf einen zukommt, wenn erst einmal das Studium abgeschlossen ist.

Ich habe, einige werden das schon wissen, von 2007 bis 2008 meinen Zivildienst in einer Kinderklinik abgeleistet. Die Arbeit dort hat mir sehr viel Spaß gemacht – natürlich war die Zeit beherrscht von Höhen und Tiefen, und gerade auf einer kinderonkologischen Station, auf der ich gearbeitet habe, gab und gibt es oft ernste Rückschläge, mit denen man von jetzt auf gleich konfrontiert wird.
Trotzdem kann ich diese Stelle als Zivi oder FSJ-ler nur jedem empfehlen, denn man lernt (aus meiner Empfindung) nirgendwo soviel über sich selbst und sein eigenes Selbstverständnis wie dort.

Eigentlich geht es ja zunächst einmal gar nicht um einen selbst. Schließlich arbeitet man dort ja (egal in was für einer Funktion, davon sind Ärzte, Krankenpfleger und –Schwestern und auch die Azubis nicht ausgenommen), um kranken Menschen, kranken Kindern in irgendeiner Weise zu helfen. Natürlich wird die Arbeit dadurch angenehmer und vielleicht auch einfacher, dass es ein familiäres Team ist, das sich untereinander gut versteht, das freundschaftlich verbunden ist, wo es wenige Differenzen gibt, und das schon jahrelang zusammenarbeitet, keine Frage.
Aber der eigentliche Grund, warum es eine schöne Arbeitsumgebung ist, sind die Kinder. Kinder haben eine ganz ureigene Art und Weise, wie sie mit sich selbst und ihrer Umgebung umgehen.
Sie haben eine Unbekümmertheit, die Erwachsenen einfach fehlt. “Erwachsene”, ja, die Anführungszeichen sind bewusst gesetzt,  müssen immer an ihre Zukunft denken. Was wird morgen sein? Warum wird es morgen so sein? Was kann ich daran vielleicht noch beeinflussen?

Niemand nimmt sich wirklich Zeit für das hier und jetzt. Das ist nicht erst George Lucas aufgefallen, als er Yoda dies sagen ließ. Es beschäftigt die Denker dieser Welt seit eh und je.
Natürlich ist die Frage nach der Zukunft für die meisten Menschen existenziell. Erst recht für kranke Menschen – verständlich, wenn man sich einmal in ihre Lage versetzt.

Und da kommen wir auf einmal doch wieder bei uns selbst an. Sich in jemanden hineinversetzen – Empathie zeigen, so der eigentliche Ausdruck. Wie heißt es so schön in einem Lied der Sportfreunde Stiller? “Empathie ist kein Problem!” (obwohl das Wort für den Mediziner ja eher nach irgendeiner –pathie, also einem durchaus gewichtigen Problem aussieht…).
Empathie, auf deutsch also etwa “Mitgefühl”, für jemanden zu zeigen, setzt aber voraus, dass man sich darüber im Klaren ist, wie sich das Gegenüber in der jetzigen Situation gerade fühlt. Was für Gedanken und Probleme ihn oder sie beschäftigen, welche äußeren Faktoren auf ihn oder sie einwirken. Und das zu erkennen, kann durchaus zum Problem werden.

Als Arzt, oder Angehöriger eines Heilberufes, um die übrigen an dieser Stelle nicht auszuschließen, sieht man sich aber noch mit etwas anderem konfrontiert. Mit der Masse Mensch.
Die Quantität der Patienten pro Arzt, pro Krankenschwester, etc. ist in den letzten Jahren immer weiter gestiegen. Die Arbeitszeit und die eigenen Ressourcen sind aber die selben wie zuvor. Im Umkehrschluss bedeutet das, für den Einzelnen bleibt weniger Zeit – weniger Zeit, um sich Geschichten anzuhören, auf mögliche Probleme einzugehen, Fragen zu beantworten und eine wirklich individuelle Betreuung zu ermöglichen.

Noch etwas anderes spielt eine wichtige Rolle: das eigene Ich.
Als Arzt, als Medizin-Beteiligter, als Helfer, ist man mit sich selbst erst einmal alleine. Und man kann und darf nicht in die Situation kommen, dass man alles, was man bei der Arbeit erlebt, mit sich herumträgt – es würde einen selbst zerstören und die weitere Arbeit unmöglich machen. Entschuldigt bitte das krasse Wortbeispiel, aber ich halte es durchaus für passend: Peter Lustig hat früher jede Löwenzahn-Sendung mit den Worten “So, dann könnt ihr ja jetzt…abschalten!?” beendet.
Natürlich ist das keine Maßnahme, die man ohne weiteres übertragen kann. Man kann sich als Mensch nicht vor etwas verschließen, was ein anderer Mensch einem anvertraut, oder was man mit eigenen Augen verfolgt oder eigenen Händen in Bewegung gesetzt hat. Aber für die eigene Psyche ist es manchmal von Vorteil, wenn man etwas hinter sich lassen kann, ohne dass es einen außerhalb der Arbeit beschäftigt.

Banker, Verwaltungsangestellte, vielleicht auch Gärtner haben es dabei möglicherweise einfacher. Dies soll keine Respektlosigkeit gegenüber anderen Berufsgruppen darstellen, sondern nur einmal vor Augen führen, mit welcher Belastung ein Mediziner umgehen muss.

Wie schafft man nun die eigentliche Gratwanderung? Wie hält man seine eigene Psyche im Gleichgewicht, aber gleichzeitig sein eigenes Gewissen im Reinen, ohne jemanden zu kurz kommen zu lassen, also ohne dass einem etwas wirklich wichtiges durch die Lappen geht?

Das setzt Erfahrung voraus. Erfahrung im Umgang mit Menschen, menschliche Reife, wie es so schön heißt. Es setzt aber auch voraus, dass man selbst in der Lage ist, seine Sicht der Dinge anzupassen und zu erweitern. Man braucht also eine gewissermaßen gefestigte Position im Leben – beispielsweise eine vernünftige, durchdachte Position zum unvermeidlichen eigenen Tod, die man ja normalerweise im Teenager-Alter einmal hinter sich gebracht hat.
Es setzt aber auch voraus, dass man sich auf jemand anderen einlassen will. Dass also tatsächlich der eigene Wunsch besteht, seine Arbeit so auszurichten, dass für sich selbst und auch andere ein Vorteil daraus entsteht. Dass man sich “menschlich” zeigt, was auch immer für Bedeutungsfacetten alles in diesem Wort verborgen sein mögen.

Warum komme ich darauf? Den Denkanstoß lieferten einige kurze Gespräch mit ehemaligen Patienten, die ich in den vergangenen Wochen geführt habe. Ich habe noch zu einigen Kindern und Jugendlichen Kontakt, und hoffe sehr, dass ich diesen auch über die Jahre hinaus bewahren kann. Denn nichts ist motivierender, als zu sehen, dass man einmal etwas richtig gemacht hat, auch wenn man noch so viele Fehler und Unvollkommenheiten in der eigenen Lebensweise und Arbeit verpackt.

Noch etwas anderes, ähnliches, kommt mir dabei in den Sinn: Ich erinnere mich gern an meine letzten Monate auf Station, eine Zeit, in der man eher mal dazu gekommen ist, im Kollegenkreis längere Gespräche zu führen – natürlich auch über die Zukunft, aber eben auch über das Hier und Jetzt. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir ein Gespräch mit einer Schwester, deren Idealismus mir sicher noch länger im Gedächtnis bleiben wird. Sie schloss mit den Worten:

”Ich arbeite hier nicht, weil ich mit dem Geld zufrieden bin, weil mir der Kollegenkreis so wichtig ist, oder weil mir die Eltern immer gefallen – ich tue das hier wegen der Kinder!”

Und dieses Ideal, sich selbst einmal in den Hintergrund zu stellen und das, wofür man wirklich etwas gibt, weiter oben einzuordnen – das hat mich persönlich wahnsinnig beeindruckt.

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